Die ‚Wertlose‘ Mittagsstunde: Wie der Großhandelsmarkt den wahren Wert Ihres Solarstroms diktiert

Sie beziehen abends Strom aus dem Netz und zahlen dafür einen hohen Preis. Mittags speist Ihre Photovoltaikanlage Überschuss ein und die Vergütung dafür ist verschwindend gering. Das fühlt sich nicht nur unfair an, es scheint widersinnig. Der Strom ist doch derselbe.

Der Widerspruch löst sich auf, wenn man versteht, dass der Preis für Ihren Haushaltsstrom und der Wert Ihres Solarstroms an zwei völlig verschiedenen Orten bestimmt werden. Ihr Haushaltsstrompreis ist ein langfristig kalkuliertes Endkundenprodukt. Der Wert Ihres eingespeisten Stroms hingegen entsteht im Hier und Jetzt am Großhandelsmarkt – und der folgt einer eiskalten Logik von Angebot und Nachfrage.

Dieser Artikel erklärt die marktwirtschaftliche Begründung, warum Ihr Mittags-Überschussstrom einen intrinsisch geringen, manchmal sogar negativen Wert hat. Die Kette reicht vom physikalischen Phänomen der Solar-Schwemme über die Preisbildung an der Börse bis zur Reaktion des Gesetzgebers. Wer versteht, warum der Markt so funktioniert, erkennt, warum die Maximierung des Eigenverbrauchs die einzig logische Strategie ist.

Die solare Mittagsdelle: Was passiert, wenn ganz Deutschland gleichzeitig Solarstrom produziert?

Der wichtigste Grund für den Wertverfall Ihres Solarstroms ist ein simples Phänomen: Sie sind nicht allein. An einem sonnigen Tag produzieren Millionen PV-Anlagen in ganz Deutschland zur exakt selben Zeit riesige Mengen an Strom.

Dieses Überangebot an Solarstrom in der Tagesmitte prägt das gesamte Stromnetz. Experten visualisieren das mit der sogenannten „Duck Curve“ (Entenkurve). Die Kurve zeigt nicht den Gesamtbedarf, sondern den Restbedarf aus dem Netz, der noch gedeckt werden muss, nachdem der gesamte Solarstrom bereits eingespeist wurde.

Ein Liniendiagramm, das den Strombedarf (y-Achse) über einen 24-Stunden-Tag (x-Achse) zeigt. Die Kurve hat morgens und abends hohe „Gipfel“ (hoher Bedarf, keine Sonne) und in der Mittagszeit einen extrem tiefen „Bauch“ (niedriger Restbedarf, weil die Sonne die Last deckt). Die Form erinnert an den Umriss einer Ente.

Morgens ist der Bedarf aus dem Netz hoch, da der Stromverbrauch anläuft, die PV-Produktion aber noch gering ist. Gegen Mittag, zwischen 11 und 15 Uhr, speisen Millionen Anlagen mit maximaler Leistung ein. Das Angebot an Solarstrom ist oft so gewaltig, dass es den Bedarf übersteigt und der Restbedarf aus dem Netz dramatisch einbricht – der Bauch der Ente entsteht. Sobald die Sonne untergeht, endet die PV-Produktion abrupt, während der private Strombedarf durch Kochen und Beleuchtung in die Höhe schnellt. Das Netz muss diese Last wieder vollständig mit konventionellen Kraftwerken decken.

Das Fazit ist rein physikalisch: Zur Mittagszeit herrscht am Markt kein Mangel, sondern ein massiver Überschuss an Strom. Nach dem grundlegendsten Gesetz der Marktwirtschaft führt ein gewaltiges Angebot zu einem Preisverfall. Ihr Solarstrom ist zur Mittagszeit nicht wegen schlechter Qualität wenig wert, sondern weil er im Überfluss vorhanden ist.

Vom Überangebot zum Preisverfall: Die eiskalte Logik des Strommarktes

Das physikalische Überangebot ist die eine Hälfte der Geschichte. Die andere ist die ökonomische Mechanik des europäischen Stromgroßhandelsmarktes, der EPEX Spot.

Das Merit-Order-Prinzip: Warum kostenloser Sonnenstrom den Preis drückt

Der Strompreis an der Börse bildet sich nach dem Merit-Order-Prinzip. Man stellt sich die Kraftwerke in einer Warteschlange vor, sortiert nach ihren Grenzkosten – den Kosten für die Produktion einer zusätzlichen Megawattstunde. Ganz vorne stehen Erneuerbare wie Wind und Sonne, deren „Brennstoffe“ kostenlos sind; ihre Grenzkosten sind praktisch null. Dahinter reihen sich Kern-, Kohle- und schließlich die teuren Gaskraftwerke ein. Um die Nachfrage zu einem bestimmten Zeitpunkt zu decken, werden so viele Kraftwerke zugeschaltet, bis der Bedarf gedeckt ist. Der Preis, den alle Erzeuger erhalten, richtet sich nach den Kosten des letzten, teuersten Kraftwerks, das gerade noch gebraucht wird.

Ein einfaches Stufendiagramm. Auf der x-Achse die Strommenge (in GW), auf der y-Achse die Grenzkosten (in €/MWh). Breite Blöcke mit Kosten nahe Null für Solar und Wind stehen links. Darauf folgen Blöcke für Kohle und am Ende der teuerste Block für Gas. Eine vertikale Linie („Nachfrage“) schneidet einen der Blöcke. Der y-Wert dieses Schnittpunkts bestimmt den Marktpreis für alle.

An einem sonnigen Mittag wird der Block an kostenlosem Solarstrom so riesig, dass er die Nachfrage fast allein decken kann. Teure Gaskraftwerke werden gar nicht erst gebraucht. Der preisbildende Mechanismus rückt immer weiter nach links zu den billigeren Erzeugern. Der Börsenstrompreis stürzt ab.

Negative Strompreise: Wenn Sie dafür bezahlen, Ihren Strom loszuwerden

Das Prinzip führt sogar zu negativen Strompreisen. Übersteigt das Angebot an kostenlosem Solar- und Windstrom die Nachfrage so massiv, dass das Netz an seine Grenzen kommt, muss ein starkes Signal an den Markt: Erzeuger sollen aufhören zu produzieren, Verbraucher sollen so viel Strom wie möglich abnehmen. In diesen Stunden müssen Erzeuger, die nicht abschalten können, dafür bezahlen, ihren Strom ins Netz einzuspeisen.

Das ist kein seltenes Phänomen mehr. Im Jahr 2023 gab es am EPEX Spotmarkt eine Rekordzahl an Stunden mit negativen Preisen, ein Trend, der sich auch im laufenden Jahr fortzusetzen scheint.

Für Sie als Anlagenbetreiber hat das eine direkte Konsequenz: Gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) entfällt Ihr Anspruch auf die Einspeisevergütung, wenn der Börsenstrompreis für sechs oder mehr aufeinanderfolgende Stunden negativ ist. Sie speisen ein und erhalten dafür null Euro. Sie verschenken Ihre Energie.

Von Abregelung bis Smart Meter: Wie der Gesetzgeber den Überschuss steuert

Die Marktentwicklung wird durch regulatorische Maßnahmen zementiert. Der Gesetzgeber reagiert auf die Realität des Solar-Überschusses und schafft Rahmenbedingungen, die den Eigenverbrauch stärken und die reine Einspeisung unattraktiver machen. Das ist keine Bestrafung, sondern der Versuch, das System an eine dezentrale und volatile Erzeugungswelt anzupassen.

Zwei Entwicklungen sind entscheidend:

  1. Netzdienliche Steuerung nach §14a EnWG: Die frühere Zwangsabregelung wird intelligenter. Seit 2024 können Netzbetreiber bei drohender Überlastung steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpen, Wallboxen und eben auch PV-Wechselrichter ferngesteuert dimmen. Betreiber erhalten dafür reduzierte Netzentgelte. Zudem ist geplant, ab April 2025 zeitvariable Netzentgelte einzuführen. Das Preissignal ist klar: Wer das Netz zu Stoßzeiten stark belastet – etwa durch hohe Einspeisung am Mittag – zahlt mehr.

  2. Der verpflichtende Smart-Meter-Rollout: Das intelligente Messsystem ist die technische Grundlage für diese neue Energiewelt. Für Neuanlagen über 7 kWp ist der Einbau bereits Pflicht. Ein Smart Meter misst nicht nur, wie viel Strom Sie nutzen, sondern wann. Er ermöglicht dynamische Stromtarife, die sich am Börsenpreis orientieren. Es wird sich also noch mehr lohnen, das E-Auto zu laden, wenn der Strompreis negativ ist, und noch weniger, den Solarstrom zu verkaufen, wenn der Marktpreis im Keller ist. Zudem gibt es Pläne der Bundesnetzagentur, in den kommenden Jahren dynamische Einspeiseentgelte einzuführen, was diesen Trend weiter verstärken würde.

Der Wert Ihres Stroms hängt immer stärker von der Uhrzeit ab. Ein ungesteuerter Überschuss zur Mittagsstunde wird systematisch entwertet.

Die unumgängliche Schlussfolgerung: Eigenverbrauch ist keine Option, sondern die Strategie

Verfolgt man die Kausalkette zurück, wird das Bild klar. Die Physik der gleichzeitigen Erzeugung schafft einen massiven Mittags-Überschuss. Die Ökonomie des Merit-Order-Prinzips drückt den Börsenpreis durch diesen Überschuss gegen null. Die Regulatorik schafft mit §14a EnWG und dem Smart Meter die Werkzeuge, um diese Preissignale bis in den Zählerschrank durchzureichen.

Das Gefühl der unfairen Vergütung ist also nicht falsch. Die Ursache ist aber nicht die Willkür eines Energieversorgers, sondern die Logik von Angebot und Nachfrage.

Die einzig rationale Antwort darauf ist, sich von diesem Markt so weit wie möglich zu entkoppeln. Anstatt selbst erzeugten Strom zur wertlosesten Zeit des Tages zu verschenken, müssen Sie ihn speichern und dann nutzen, wenn er am teuersten ist: morgens und abends.

Die Maximierung des Eigenverbrauchs durch Lastmanagement und einen richtig dimensionierten Stromspeicher ist keine nette Zusatzoption mehr. Es ist die Kernstrategie für jeden, der mit seiner PV-Anlage langfristig Geld sparen will.

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Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Herausgeber von Photovoltaik-Speicher.info und beschäftigt sich intensiv mit Photovoltaik, Stromspeichern und maximalem Eigenverbrauch im privaten Haushalt.
Auf seinem eigenen Haus betreibt er eine 20-kWp-Photovoltaikanlage mit 30 kWh Batteriespeicher. Das System ist intelligent mit Wärmepumpe, Pooltechnik, Elektroauto und Hybridfahrzeug vernetzt und wird unter anderem über einen Sunny Home Manager 2.0 gesteuert. Ziel ist es, möglichst den gesamten selbst erzeugten Solarstrom direkt selbst zu verbrauchen – unabhängig von Einspeisevergütungen.
Auch im Alltag setzt Patrick konsequent auf elektrische Verbraucher: vom Elektroauto über elektrische Gartengeräte bis hin zum Elektrogrill nach dem Motto „Rösten mit Solar“. Auf Photovoltaik-Speicher.info teilt er praxisnahe Erfahrungen, Strategien und Tipps rund um Energieautarkie, Stromspeicher und intelligente Eigenverbrauchsoptimierung.