Mehr ist nicht mehr wert: Der Kipppunkt, ab dem eine größere PV-Anlage ohne Vergütung unwirtschaftlich wird
Eine größere PV-Anlage ist ohne Einspeisevergütung oft eine schlechtere Investition. Der Rat „Dach voll machen“ ist ein Relikt aus alten Förderzeiten und kann heute pures Geld verbrennen.
Die Frage, die uns immer wieder erreicht, lautet sinngemäß: „Mein Installateur sagt, ich soll 15 kWp installieren. Aber wenn ich für die Einspeisung nichts bekomme, ist das dann nicht rausgeschmissenes Geld?“
Das Bauchgefühl dahinter ist richtig. In einer Welt ohne oder mit nur minimaler Einspeisevergütung gelten andere Regeln. Ein blindes „Dach voll machen“ kann eine exzellente Investition in eine mittelmäßige verwandeln. Wir zeigen Ihnen hier, wie Sie den wahren „Sweet Spot“ für Ihre Anlagengröße finden. Es geht um den exakten Punkt, an dem die Investition in zusätzliche Solarmodule unwirtschaftlich wird – den wirtschaftlichen Kipppunkt.
Die Basis: Wie eine kleine 5-kWp-Anlage maximale Rendite erzielt
Ein typischer Vier-Personen-Haushalt mit einem Jahresstromverbrauch von 4.000 kWh dient als Ausgangspunkt. Wir beginnen mit einer bewusst kleinen, aber wirtschaftlich extrem sicheren Anlagengröße: 5 Kilowatt-Peak (kWp).
Die Annahmen:
- Jahresstromverbrauch: 4.000 kWh
- Anlagengröße: 5 kWp
- Erzeugung pro Jahr: ca. 5.000 kWh (Faustformel: 1.000 kWh pro kWp)
- Beispielhafte Investitionskosten: ca. 1.800 € pro kWp, also insgesamt 9.000 €
- Angenommener Strompreis: 35 Cent pro kWh
Ein hoher Anteil des erzeugten Solarstroms kann hier direkt im Haus verbraucht werden, wenn die Sonne scheint. In der Praxis erreicht ein solcher Haushalt ohne Speicher eine Eigenverbrauchsquote von etwa 30-40%. Wir rechnen mit 35%.
Die Berechnung:
- Eigenverbrauch in kWh: 5.000 kWh (Erzeugung) * 35% = 1.750 kWh
- Ersparnis pro Jahr: 1.750 kWh * 0,35 €/kWh = 612,50 €
- Überschuss (Einspeisung): 5.000 kWh – 1.750 kWh = 3.250 kWh (in unserem Null-Vergütungs-Szenario ist dieser Strom wertlos)
Das Ergebnis ist eindeutig. Diese kleine Anlage generiert eine solide jährliche Ersparnis, die allein durch vermiedenen Netzbezug entsteht. Jede selbst verbrauchte Kilowattstunde ist 35 Cent wert. Die Investition ist überschaubar, die Rendite hoch. Das ist die Basis einer sicheren Investition.
Die Skalierung auf 10 kWp: Wie der zusätzliche Ertrag die Rendite verwässert
Jetzt der Schritt, den viele Installateure empfehlen: die Leistung verdoppeln. Was passiert, wenn wir auf demselben Dach für denselben Haushalt eine 10-kWp-Anlage installieren?
Die Annahmen:
- Haushalt: unverändert (4.000 kWh Verbrauch)
- Anlagengröße: 10 kWp
- Erzeugung pro Jahr: ca. 10.000 kWh
- Beispielhafte Investitionskosten: ca. 1.500 € pro kWp (Stückkosten sinken), also insgesamt 15.000 €
Der Haken: Der Haushalt verbraucht nicht plötzlich mehr Strom. Die Waschmaschine läuft vielleicht tagsüber, aber das riesige Stromangebot zur Mittagszeit übersteigt den Bedarf bei weitem. Die Eigenverbrauchsquote sinkt deshalb drastisch, für so eine große Anlage auf einen realistischen Wert von ca. 25%.
Die Berechnung:
- Eigenverbrauch in kWh: 10.000 kWh (Erzeugung) * 25% = 2.500 kWh
- Ersparnis pro Jahr: 2.500 kWh * 0,35 €/kWh = 875 €
- Überschuss (wertlos): 10.000 kWh – 2.500 kWh = 7.500 kWh
Obwohl wir die Anlage verdoppelt und 6.000 € mehr investiert haben, ist die jährliche Ersparnis nur um 262,50 € gestiegen. Die zusätzlichen 5 kWp brachten gerade einmal 750 kWh mehr nutzbaren Eigenverbrauch. Der Rest des Mehrertrags – gewaltige 4.250 kWh – verpufft ohne Vergütung im Netz.
Das ist das Gesetz des abnehmenden Grenzertrags in Reinform: Jedes zusätzliche kWp Leistung bringt absolut gesehen weniger Ersparnis als das vorherige. Die Rendite der Gesamtinvestition wird verwässert.
Der Kipppunkt bei 15 kWp: Wenn die Mehrkosten den Mehrwert fressen
Beim „Dach voll machen“-Szenario mit 15 kWp wird die Fehlkalkulation offensichtlich.
Die Annahmen:
- Haushalt: unverändert (4.000 kWh Verbrauch)
- Anlagengröße: 15 kWp
- Erzeugung pro Jahr: ca. 15.000 kWh
- Beispielhafte Investitionskosten: ca. 1.400 € pro kWp, also insgesamt 21.000 €
Bei dieser massiven Überdimensionierung bricht die Eigenverbrauchsquote weiter ein, sagen wir auf 18%.
Die Berechnung:
- Eigenverbrauch in kWh: 15.000 kWh (Erzeugung) * 18% = 2.700 kWh
- Ersparnis pro Jahr: 2.700 kWh * 0,35 €/kWh = 945 €
- Überschuss (wertlos): 15.000 kWh – 2.700 kWh = 12.300 kWh
Jetzt berechnen wir den Kipppunkt
Der Kipppunkt ist erreicht, wenn die Kosten für die zusätzlichen Module den finanziellen Nutzen, den sie bringen, übersteigen. Vergleichen wir den Sprung von 10 kWp auf 15 kWp:
-
Marginaler Nutzen (Mehrwert):
- Der zusätzliche Eigenverbrauch beträgt nur noch 200 kWh (2.700 kWh – 2.500 kWh).
- Der jährliche Mehrwert dieser 200 kWh ist: 200 kWh * 0,35 €/kWh = 70 € pro Jahr.
-
Marginale Kosten (Mehrkosten):
- Die zusätzlichen Investitionskosten betragen 6.000 € (21.000 € – 15.000 €).
- Umgelegt auf eine Lebensdauer von 20 Jahren sind das jährliche Kosten von: 6.000 € / 20 Jahre = 300 € pro Jahr.
Das Ergebnis ist eindeutig: Marginaler Nutzen (70 €) < Marginale Kosten (300 €)
Der wirtschaftliche Kipppunkt ist überschritten. Die letzten 5 kWp Leistung kosten auf Jahresbasis 300 €, bringen aber nur 70 € Ersparnis. Ein jährliches Verlustgeschäft von 230 € für diesen Anlagenteil. Diese 6.000 € sind das „rausgeschmissene Geld“. Die Amortisationszeit für diese spezifische Erweiterung läge theoretisch bei über 85 Jahren.
Eine gute Faustformel besagt, dass der wirtschaftliche Sweet Spot oft bei 1,0 bis 1,5 kWp PV-Leistung pro 1.000 kWh Jahresverbrauch liegt. Unser Beispielhaushalt (4.000 kWh) wäre demnach mit einer 4-6 kWp-Anlage optimal bedient. Genau das hat unsere erste Berechnung gezeigt.
Szenario-Analyse mit Speicher: Verschiebt eine Batterie den Kipppunkt?
Kann ein Stromspeicher die Rechnung retten, indem er den wertlosen Überschuss nutzbar macht? Rechnen wir das 15-kWp-Szenario neu, diesmal mit einem passenden 10-kWh-Speicher.
Die Annahmen:
- Anlagengröße: 15 kWp (Erzeugung: 15.000 kWh)
- Speicher: 10 kWh Kapazität
- Beispielhafte Investitionskosten: 21.000 € (PV) + ca. 8.000 € (Speicher) = 29.000 €
- Erreichbare Eigenverbrauchsquote: Mit Speicher steigt diese auf 60-80%. Wir rechnen konservativ mit 65%.
Die Berechnung:
- Eigenverbrauch in kWh: 15.000 kWh (Erzeugung) * 65% = 9.750 kWh
- Wichtiger Hinweis: Da der Haushalt nur 4.000 kWh pro Jahr verbraucht, kann er auch nur maximal diese Menge selbst nutzen. Der Eigenverbrauch ist durch den Gesamtverbrauch gedeckelt. Nehmen wir an, wir können 3.800 kWh des Bedarfs decken.
- Ersparnis pro Jahr: 3.800 kWh * 0,35 €/kWh = 1.330 €
Ein Speicher verschiebt den Kipppunkt, ja. Er macht den Überschuss der 15-kWp-Anlage nutzbar und steigert die Ersparnis (von 945 € auf 1.330 €). Aber er ist kein Allheilmittel, sondern ein teures Werkzeug, das diese Verschiebung ermöglicht.
- Massiv höhere Investition: Die Gesamtkosten explodieren auf 29.000 €.
- Eigene Wirtschaftlichkeitsrechnung: Der Speicher selbst muss sich über seine Lebensdauer (ca. 15 Jahre) amortisieren.
- Komplexität: Die Systemplanung wird anspruchsvoller. Speicher, PV-Anlage und Verbrauchsprofil müssen zueinander passen.
Ein Speicher kann eine größere Anlage rechtfertigen. Er tut dies aber zu erheblichen Zusatzkosten und mit eigenen Risiken. Die Entscheidung für „große Anlage + Speicher“ ist eine völlig andere Investitionsstrategie als die für eine „kleine, auf Eigenverbrauch optimierte Anlage“.
Fazit: Finden Sie Ihren persönlichen Kipppunkt, bevor Sie investieren
Die „Dach voll machen“-Strategie gehört ohne nennenswerte Einspeisevergütung ins Museum. Unsere Berechnungen zeigen: eine unreflektierte Maximierung der Anlagengröße führt schnell in die Unwirtschaftlichkeit.
Hier die Erkenntnisse im Überblick:
| Szenario | Anlagengröße | Investition | Jährl. Eigenverbrauch | Jährl. Ersparnis | Rendite-Charakteristik |
|---|---|---|---|---|---|
| Basis | 5 kWp | 9.000 € | 1.750 kWh | 612,50 € | Hoch, sicher, schnell amortisiert |
| Skalierung | 10 kWp | 15.000 € | 2.500 kWh | 875 € | Abnehmend, Grenznutzen sinkt |
| Kipppunkt | 15 kWp | 21.000 € | 2.700 kWh | 945 € | Gering, letzte 5 kWp unrentabel |
| Mit Speicher | 15 kWp + Akku | 29.000 € | 3.800 kWh | 1.330 € | Hoch, aber mit massiv höherem Kapitaleinsatz |
Es geht nicht darum, die maximale Menge an Strom zu erzeugen, sondern die maximale Rendite aus Ihrem eingesetzten Kapital zu erzielen. Anstatt blind Empfehlungen zu folgen, sollten Sie jedes Angebot nehmen und selbst nachrechnen.
Nutzen Sie unser Arbeitsblatt, um die Angebote Ihres Installateurs zu analysieren und Ihren persönlichen wirtschaftlichen Kipppunkt zu ermitteln. So treffen Sie eine Entscheidung, die sich für die nächsten 20 Jahre auszahlt.