Die Schere schließt sich: Warum Ihr Bezugsstrompreis die wahre Rendite Ihrer PV-Anlage bestimmt

Die Schere öffnet sich: Warum Ihr Bezugsstrompreis die wahre Rendite Ihrer PV-Anlage bestimmt

Die Debatte über die Rentabilität von Photovoltaik kreist oft um die Einspeisevergütung. Ein Fehler. Wer heute auf die 8 Cent pro eingespeister Kilowattstunde schielt, übersieht den eigentlichen Hebel: Nicht der Betrag, den Sie für den Verkauf von Strom erhalten, ist entscheidend, sondern der, den Sie für den Einkauf von Strom nicht mehr bezahlen.

Die Wirtschaftlichkeit moderner PV-Anlagen folgt dem Prinzip der Kostenschere. Und diese Schere öffnet sich.

  • Die untere Klinge ist die Einspeisevergütung. Staatlich festgelegt, niedrig, für Neuanlagen weiter sinkend. Aktuell liegt sie bei ca. 8 Cent/kWh.
  • Die obere Klinge ist Ihr Bezugsstrompreis. Das ist der Preis, den Sie für jede Kilowattstunde aus dem Netz bezahlen – heute schon 35 bis 45 Cent/kWh, Tendenz steigend.

Der Gewinn Ihrer Anlage entsteht nicht mehr durch die untere Klinge, sondern durch den wachsenden Abstand zwischen beiden. Jede Kilowattstunde Solarstrom, die Sie selbst verbrauchen, erspart Ihnen den Kauf von teurem Netzstrom. Dieser vermiedene Kauf ist Ihr eigentlicher Profit.

Anatomie Ihrer Stromrechnung: Die 40 Cent, denen Sie entkommen können

Um den Wert des Eigenverbrauchs zu verstehen, muss man den Haushaltsstrompreis zerlegen. Wenn Sie rund 40 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) zahlen, setzt sich dieser Preis aus drei Hauptblöcken zusammen:

  • Energiebeschaffung, Service und Vertrieb: Der Anteil für Ihren Versorger. Er kauft den Strom an der Börse ein und deckt damit seine Kosten. Dieser Posten ist starken Marktschwankungen unterworfen.
  • Netzentgelte: Die Gebühren für die Nutzung der Stromnetze. Damit werden Betrieb, Instandhaltung und Ausbau der Infrastruktur finanziert, von der Hochspannungsleitung bis zu Ihrem Hausanschluss.
  • Staatliche Steuern, Abgaben und Umlagen: Hierzu gehören Strom- und Mehrwertsteuer sowie diverse staatlich festgelegte Umlagen.

Verbrauchen Sie eine Kilowattstunde Solarstrom vom eigenen Dach, umgehen Sie nicht nur die Kosten für die Energiebeschaffung. Sie umgehen den gesamten Preisblock. Sie zahlen für diese Kilowattstunde keine Netzentgelte und auch die meisten Steuern und Abgaben fallen weg. Ihr Solarstrom ist eine Abkürzung.

Eigenverbrauch ist damit für einen Haushalt die einzige Möglichkeit, sich dieser Kostenstruktur fast vollständig zu entziehen. Jede selbst verbrauchte Kilowattstunde ist ein direkter Schlag gegen alle drei Preiskomponenten.

Die Preis-Rolltreppe nach oben: Warum Ihr Strombezug teurer wird

Der aktuelle Bezugsstrompreis ist nur eine Momentaufnahme. Die wahre Stärke einer PV-Anlage liegt in ihrer Funktion als Preissicherung für die Zukunft. Mehrere Treiber sorgen dafür, dass Netzstrom langfristig teurer wird.

Kostentreiber 1: Der Netzausbau (Netzentgelte)

Die Energiewende erfordert einen massiven Um- und Ausbau der deutschen Stromnetze. Windstrom aus dem Norden muss zur Industrie im Süden. Millionen E-Autos und Wärmepumpen brauchen stabile Verteilnetze. Diese Milliarden-Investitionen werden über die Netzentgelte finanziert – ein Posten auf Ihrer Stromrechnung, der steigen wird. Jede kWh vom eigenen Dach ist von diesen Kostensteigerungen abgekoppelt.

Kostentreiber 2: Der CO2-Preis

Um die Klimaziele zu erreichen, wird Strom aus fossilen Brennstoffen durch den CO2-Preis systematisch verteuert. Das ist politisch so gewollt. Der Preis pro Tonne CO2 folgt einem gesetzlich festgelegten Steigerungspfad, und diese Kosten geben die Erzeuger an die Verbraucher weiter. Ihr Solarstrom ist CO2-frei. Er ist immun gegen diesen Preisanstieg.

Kostentreiber 3: Geopolitische Faktoren und Marktkomplexität

Die letzten Jahre haben gezeigt, wie anfällig die globalen Energiemärkte für Krisen sind. Solche Unsicherheiten führen zu Preisspitzen an den Strombörsen. Während die Großhandelspreise zwar schwanken, verharren die Endkundenpreise oft auf hohem Niveau oder sinken nur sehr langsam.

Branchenprognosen deuten darauf hin, dass Haushaltsstrompreise auf absehbare Zeit auf einem hohen Niveau bleiben oder moderat steigen könnten. Eine PV-Anlage ist also eine Wette auf diesen Trend. Sie sichern sich heute einen Teil Ihrer Energie zu fixen Gestehungskosten und steigen aus der Preis-Rolltreppe des öffentlichen Netzes aus.

Die Eigenverbrauchs-Prämie: Der 32-Cent-Unterschied, der Ihren Gewinn definiert

Was ist eine Kilowattstunde Solarstrom von Ihrem Dach nun wirklich wert? Das hängt davon ab, was Sie damit tun.

  • Szenario A: Sie speisen die kWh ins Netz ein.
    Ihr Ertrag: ca. 8 Cent (aktuelle Einspeisevergütung).
  • Szenario B: Sie verbrauchen die kWh selbst.
    Ihr Ertrag: ca. 40 Cent (der vermiedene Kauf von Netzstrom).

Die Differenz ist Ihr Gewinn durch Eigenverbrauch. Nennen wir sie die „Eigenverbrauchs-Prämie“.

Wert des Eigenverbrauchs – Wert der Einspeisung = Eigenverbrauchs-Prämie
40 ct/kWh – 8 ct/kWh = 32 ct/kWh

Jede Kilowattstunde, die Sie nicht einspeisen, sondern selbst nutzen, ist 32 Cent mehr wert. Das ist der Kern der modernen PV-Wirtschaftlichkeit.

Und das Beste: Während Ihre Einspeisevergütung für 20 Jahre fixiert ist, wächst der Wert Ihres Eigenverbrauchs mit jeder Strompreiserhöhung. Steigt Ihr Bezugsstrompreis in fünf Jahren auf 45 Cent, beträgt Ihre Prämie bereits 37 Cent pro Kilowattstunde. Ihre PV-Anlage wird über die Zeit also nicht weniger rentabel. Sie wird mehr rentabel.

Ihr neuer Entscheidungsrahmen: Weg von der Einspeisung, hin zur Vermeidung

Wenn Sie die Wirtschaftlichkeit einer PV-Anlage bewerten, verabschieden Sie sich von der veralteten Logik, die nur auf die Einspeisevergütung schaut. Das strategische Ziel lautet: Maximieren Sie Ihre Eigenverbrauchs-Prämie.

In der Praxis heißt das:

  1. Analysieren Sie Ihr Verbrauchsverhalten: Wann brauchen Sie den meisten Strom? Eine PV-Anlage produziert mittags am meisten. Je mehr Verbrauch Sie in diese Zeit verlagern (Waschmaschine, Spülmaschine, E-Auto laden), desto höher Ihr direkter Eigenverbrauch.
  2. Dimensionieren Sie die Anlage passend: Eine riesige Anlage, die den Großteil des Stroms mittags ins Netz drückt, kann weniger rentabel sein als eine, deren Erzeugungsprofil zu Ihrem Verbrauch passt.
  3. Prüfen Sie die Option eines Stromspeichers: Ein Batteriespeicher ist das stärkste Werkzeug zur Maximierung des Eigenverbrauchs. Er speichert den überschüssigen Mittagsstrom für den Abend und den Morgen – genau dann, wenn Sie ihn brauchen, aber die Sonne nicht scheint. Ob sich ein Speicher für Sie rechnet, können Sie mit unserem Stromspeicher Rechner analysieren.

Um Ihnen den Einstieg in diese Denkweise zu erleichtern, haben wir ein Arbeitsblatt erstellt. Es hilft Ihnen, Ihre persönliche Eigenverbrauchs-Prämie zu berechnen und die langfristigen finanziellen Vorteile für Ihre Situation zu visualisieren.

Ihre Investitionsentscheidung hängt also nicht davon ab, ob 8 Cent Einspeisevergütung attraktiv sind. Sie hängt davon ab, ob Sie den 40 Cent – und zukünftig vielleicht 45 oder 50 Cent – des Bezugsstrompreises entkommen wollen. Die Kostenschere öffnet sich weiter. Mit einer eigenen PV-Anlage sitzen Sie auf der richtigen Seite des Hebels.

Ratgeber teilen
Patrick Thoma
Patrick Thoma

Patrick Thoma ist Herausgeber von Photovoltaik-Speicher.info und beschäftigt sich intensiv mit Photovoltaik, Stromspeichern und maximalem Eigenverbrauch im privaten Haushalt.
Auf seinem eigenen Haus betreibt er eine 20-kWp-Photovoltaikanlage mit 30 kWh Batteriespeicher. Das System ist intelligent mit Wärmepumpe, Pooltechnik, Elektroauto und Hybridfahrzeug vernetzt und wird unter anderem über einen Sunny Home Manager 2.0 gesteuert. Ziel ist es, möglichst den gesamten selbst erzeugten Solarstrom direkt selbst zu verbrauchen – unabhängig von Einspeisevergütungen.
Auch im Alltag setzt Patrick konsequent auf elektrische Verbraucher: vom Elektroauto über elektrische Gartengeräte bis hin zum Elektrogrill nach dem Motto „Rösten mit Solar“. Auf Photovoltaik-Speicher.info teilt er praxisnahe Erfahrungen, Strategien und Tipps rund um Energieautarkie, Stromspeicher und intelligente Eigenverbrauchsoptimierung.